Skandinavisches Design – das waren die Väter der modernen nordischen Wohnkultur

Januar 23, 2020 von Heike Ladendorf in Interview & Portrait, Wohnen & Einrichten

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Scandinavian Living, Scandi Chic, Cosy Minimalism… Der minimalistisch-wohnliche Stil aus dem hohen Norden hat viele Namen und begeistert mit seiner schnörkellosen Schlichtheit, natürlichen Materialien und zeitloser Behaglichkeit. Seinen Ursprung hatte das skandinavische Design in den 1930er bis 1960er Jahren, als große Architekten und Gestalter wie Alvar Aalto, Hans J. Wegner und Arne Jacobsen den Einrichtungsgeschmack einer ganzen Generation prägten. Sie waren die Väter der modernen nordischen Wohnkultur.

Schon früher waren skandinavische Einrichtungen durch Holz, helle Farben und funktionale Schlichtheit geprägt. Im historischen Kontext hängt das hauptsächlich mit den klimatischen Gegebenheiten, harten Lebensbedingungen und Ressourcenknappheit zusammen. Bei neun Monaten relativer Dunkelheit und Kälte musste das Mobiliar die Stimmung aufhellen. Die Sommermonate wurden und werden traditionell draußen in der Natur verbracht, in den langen Wintermonaten galt es, in den Innenräumen ein möglichst helles, gemütliches Wohnklima zu schaffen.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden natürlich auch die skandinavischen Länder von der Revolutionierung von Form und Funktion in Zeiten von Bauhaus, deStijl oder LeCorbusier sowie später von Design und Materialentwicklungen in den USA beeinflusst. Nur dass Holz der vorherrschende Werkstoff blieb. Die Verbindung von minimalistischem Design und warmen Materialien wurde zu einem Einrichtungsstil, der 2020 ein Comeback feiert und die Wohnzimmer auf der ganzen Welt erobert.

Alvar Aalto

1898-1976 | Finnland

Alvar Aalto

Form ist ein Mysterium, das sich der Beschreibung entzieht, aber den Menschen Freude bereitet.

Alvar Aalto (Bild: Artek)

Aalto begann seine Karriere als Architekt und Stadtplaner. Zusammen mit seiner Ehefrau Aino gründete er 1935 die Möbelfabrik Artek und entwarf wegweisendes Mobiliar. Der Sessel Armchair 400, ein Freischwinger aus Holz, entstand 1936. Das Stuhlbein ist L-förmig gebogen und geht nahtlos in die Armlehne über, die gepolsterte Rückenlehne ist leicht nach hinten geneigt. Organische Formen finden sich auch in Aaltos Bauwerken wieder. Das Tuberkulose Sanatorium Paimio vereint sich mit der finnischen Landschaft und schafft Harmonie zwischen Mensch und Natur.

In einer schlichten und schnörkellosen Weise setzte Aalto die moderne Formensprache der Bauhaus-Zeit mit Holz um, das er als “humanes Material” bezeichnete. Sein unverwechselbarer Stil, mit dem er natürliche Werkstoffe und modernes Design verband, prägt das skandinavische Design seit den 1930er Jahren.

Hans J. Wegner

1914-2007 | Dänemark

Ein Stuhl ist erst dann ein Stuhl, wenn sich jemand drauf setzt.

Hans J. Wegner (Bild: Carl Hansen)

Wegner absolvierte eine Tischlerlehre und studierte an der Kunsthochschule Kopenhagen. Er gilt als Meister des Stuhldesigns, entwarf im Laufe seines Lebens über 500 Stühle. In den 1940er Jahren entstanden in Kooperation mit Tischlermeister Johannes Hansen eine Vielzahl von Möbeln, die der Bevölkerung modernes dänisches Design und Wohnkultur nahebrachten und das ästhetische Empfinden stark veränderten. Dabei war Holz immer das bevorzugte Material. Wegners organisch geformte, detailgenaue Entwürfe mit fein modellierten Details sind einzigartig. Der wohl bekannteste Stuhl, der Wishbone Chair, wurde von chinesischen Ming Sesseln inspiriert. Der Korpus aus gebogenem Schichtholz und die handgeflochtene Sitzfläche fügen sich zu einem skulpturalen Objekt zusammen und zeugen von hoher Handwerkskunst.

Der Stuhl trägt den Namen „Wishbone“ nicht ohne Grund: Das Y in der Rückenlehne erinnert an den traditionellen Wunschknochen. An Thanksgiving wird das Gabelbein des Truthahns von zwei Festteilnehmern mit den kleinen Fingern auseinander gezogen, bis es bricht. Wer das größere Stück bekommt, hat einen Wunsch frei.

Hans J. Wegner auf dem Wishbone Chair
Hans J. Wegner auf dem Wishbone Chair, Bild: Carl Hansen

Dennoch war es nicht das Design eines Möbelstücks, das bei Wegner im Vordergrund stand, sondern seine Funktion und Ergonomie.

Arne Jacobsen

1902-1971 | Dänemark

Arne Jacobsen

Die gültige Form kann man nicht sehen, sondern nur fühlen. Sie stimmt, wenn man darin ruht.

Arne Jacobsen (Bild: Fritz Hansen)

Der dänische Architekt und Designer wollte eigentlich Kunst studieren, doch sein Vater überredete ihn zu einem Architekturstudium. Schon früh gewann er Wettbewerbe, war von der Architektur LeCorbusiers und Mies van der Rohes inspiriert. Während zweiten Weltkrieges musste der Jude Jacobsen aus Dänemark fliehen. Im zweijährigen Exil in Schweden widmete er sich der Malerei und setzte sich vor allem mit botanischen Themen auseinander. Nach seiner Rückkehr nach Kopenhagen entwarf er Wohnsiedlungen, die von der Nähe zur Natur geprägt sind.

Zu den bekanntesten Möbelentwürfen Jacobsens gehören seine Stühle aus gebogenem Schichtholz wie die “Ameise” oder “Serie 7”. In den 1950er Jahren ein Novum: Schon vor ihm hatten Alvar Aalto in Finnland und das Ehepar Eames in den USA Schichtholz verformt, doch Jacobsen bog die durchgehende Schale seiner Stühle gleich in zwei Richtungen. Was zunächst kritisch beäugt wurde, entwickelte sich zum Welterfolg. Auch die Sessel Schwan und Ei, die Jacobsen für das SAS Royal Hotel in Kopenhagen entwarf, wurden zu Klassikern.

Skandinavisches Design heute

Carl Hansen Pendelleuchte Cirque
Bild: Carl Hansen

Das skandinavische Design des 21. Jahrhunderts ist noch heute von den Grundprinzipien seiner Vorväter geprägt. Es verbindet unprätentiöse Schlichtheit und verantwortungsvollen Umgang mit den verwendeten Materialien, ist innovativ und hat stets die Harmonie von Mensch und Raum im Blick.

Das spricht das gesellschaftliche Bedürfnis an, das Zuhause als harmonischen Rückzugsort zu betrachten und eine Balance zwischen Mensch und Umwelt zu erleben, die in einer immer schneller und verrückter werdenden Welt nicht leicht zu finden ist.

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