Designklassiker sind so gefragt wie nie. Der Eames Lounge Chair, die Bauhaus Freischwinger von Thonet, der Barcelona Chair von Knoll, die LC-Serie von Le Corbusier – sie stehen in Wohnzimmern, Büros und Hotels rund um die Welt und haben dabei eines gemeinsam: Sie werden nicht billiger. Gestiegene Rohstoffpreise, höhere Energiekosten in der Produktion und teurere Transportwege haben in den vergangenen Jahren die Preise für Möbel im Allgemeinen und für Originale im Besonderen spürbar angehoben. Kein Wunder also, dass der Markt für Plagiate und Replicas boomt – und sich dabei deutlich verändert hat.
Lange war Europa selbst Zentrum des Replica-Handels. Zunächst Italien, wo der Urheberrechtsschutz für Designmöbel jahrzehntelang schwächer war als im Rest der EU, dann Großbritannien, das bis 2016 nur einen 25-jährigen Schutz kannte. Seit beide Länder ihre Gesetze verschärft haben, hat sich der Markt verlagert: Heute kommen die meisten Kopien aus chinesischen Produktionszentren – allen voran aus Foshan in der Provinz Guangdong – und werden über internationale Online-Plattformen oder Shops mit Firmensitz außerhalb der EU direkt an europäische Kunden verkauft. Die Qualität mancher Kopien ist dabei so gestiegen, dass selbst erfahrene Käufer ins Zweifeln geraten.
Hinzu kommt ein weiterer Trend: In einigen Jahren laufen die ersten Urheberrechtsfristen für Designklassiker ab – nämlich dann, wenn der Designer oder die Designerin seit mehr als 70 Jahren verstorben ist. Was dann folgt, ist absehbar: ein legaler Massenmarkt für Kopien. Umso mehr lohnt es heute zu wissen, woran man ein Original erkennt.
Wie unterscheidet man also sicher, ob man ein Original oder eine Fälschung vor sich hat – und zwar ohne Expertenwissen? Wir zeigen Ihnen 7 Prüfzeichen, die Laien sofort checken können.
1. Preis und Produktbezeichnung – das erste Warnsignal
Wer einen Eames Plastic Chair DSW für 60 Euro findet, hält mit großer Wahrscheinlichkeit keine echte Vitra-Ware in den Händen. Der originale Schalenstuhl von Vitra kostet rund 400 Euro – wirkt der Aufpreis auf den ersten Blick hoch, ist er angesichts von Material, Verarbeitung und Langlebigkeit gut begründet. Auch die Formulierungen verraten viel: Begriffe wie „inspired by“, „im Stil von“, „Replica“, „Hommage“ oder „Eames-Style“ sind keine Bescheidenheit, sondern rechtliche Schutzformeln, mit denen Anbieter einer Abmahnung entgehen wollen.
2. Prägung und Markenkennzeichnung
Originalhersteller kennzeichnen ihre Möbel direkt am Objekt.
Thonet Schriftzug
Prägung des Originals
Cassina versieht zum Beispiel die LC Serie mit einer Prägung im Gestell. Beim Thonet Freischwinger S32 ist das Markenlogo in den Sitzrahmen geprägt – mit einem typographischen Detail, das kaum ein Plagiat korrekt kopiert: Die Buchstaben TH und NET sind verbunden, das O steht frei. Tecnolumen kennzeichnet die Wagenfeldleuchte an der Unterseite des Fußes. Vitra Möbel haben Prägungen oder Aufkleber an der Unterseite. Auch viele andere Hersteller von original Designermöbeln versehen ihre Möbel an unauffälliger Stelle mit Aufklebern, Prägungen oder eingenähten Labels.
3. Aufkleber, Seriennummer und Echtheitszertifikat
Aufkleber am Vitra Plastic Chair
Aufkleber am Adjustable Table mit Unterschrift Eileen Gray
Originale kommen mit Dokumentation. Ein Aufkleber mit Herkunftsnachweis, Seriennummer und Prüfzeichen – beim Eames Plastic Chair beispielsweise inklusive GS-Prüfzeichen – ist beim Original Standard, beim Plagiat meist nicht vorhanden. Cassina liefert für die Le Corbusier-Serie ein Echtheitszertifikat mit, das die Lizenzkette zurück zur Fondation Le Corbusier nachweist. Kein Nachbau kann dieses Dokument legitim vorweisen. Auch der fast unsichtbare Aufkleber auf der Glasplatte des Adjustable mit allen Lizensierungen und der Unterschrift von Eileen Gray ist ein guter Hinweis, dass es sich um das Original handelt.
4. Verbindungsstellen und Bohrlöcher
Ein Blick auf die unsichtbaren Stellen trennt Original und Kopie zuverlässig. Bei Stahlrohrmöbeln wie dem Thonet Freischwinger S32 werden die Verbindungslöcher, durch die Gestell und Lehne verschraubt sind, gebohrt und versenkt – das Rohr behält seinen runden Querschnitt und die saubere Linie des Gestells bleibt erhalten. Bei Plagiaten sind diese Löcher in der Regel nur gestanzt: erkennbar an leichten Eindrückungen im Rohr.
5. Oberfläche und Finish
Details in der Oberflächenbehandlung sind für Kopisten schwer wirtschaftlich zu rechtfertigen. Die Endkappen der Stahlrohrgestelle sind beim originalen Thonet galvanisch verchromt und im Farbton exakt auf das Gestell abgestimmt – bei Kopien fällt der Farbunterschied meist sofort auf. Weitere Details zum original Thonet Freischwinger
Beim LC3-Sessel von Cassina sind alle sichtbaren Rahmenflächen geschliffen und poliert; Plagiate lassen diesen Schritt häufig aus und zeigen einen matten, unregelmäßigen Glanz.
Original LC3 Sessel
6. Materialqualität und Haptik
Was man mit den Händen fühlt, sagt oft mehr als der Augenschein. Das Leder der originalen LC4-Liege von Cassina ist geschmeidig und von spürbarer Dichte – wer einmal die Auflage in die Hand nimmt, merkt den Unterschied zur Imitation sofort: Plagiatsleder ist steif, spröde und riecht oft synthetisch.
Weitere Informationen zur LC-Serie
Beim Adjustable Table von ClassiCon sind Rohrdurchmesser und Proportionen präzise nach Originalmaßen gefertigt; Kopien sind häufig minimal höher und die Stahlrohre erkennbar dünner.
Details und Maße des Adjustable Table finden Sie hier.
7. Händlercheck beim Hersteller
Wer auf Nummer sicher gehen will, braucht nur die Website des Originalherstellers aufzurufen. Vitra, Cassina, Knoll, Thonet, Fritz Hansen uvm. führen dort aktuelle Listen autorisierter Händler. Taucht der Anbieter dort nicht auf, ist Vorsicht geboten – ganz gleich, wie professionell der Webshop wirkt. Dieser Check kostet zwei Minuten und kann eine teure Fehlinvestition verhindern.
💡Das sollten Sie wissen
Wer Plagiate in öffentlich zugänglichen Räumen wie Büros, Filialen oder Hotels einsetzt, bewegt sich rechtlich auf dünnem Eis. Nach deutschem Urheberrecht kann die gewerbliche Nutzung nicht lizenzierter Kopien eine Rechtsverletzung darstellen und empfindliche Strafen nach sich ziehen.
Eine Frage des Gewissens
Die Entscheidung für ein Original bemisst sich nicht allein am Preis – sie ist auch eine Frage des Gewissens: Was schulden wir den Menschen, die diese Klassiker entworfen haben?
Charles und Ray Eames, Marcel Breuer, Arne Jacobsen, Verner Panton, Le Corbusier – sie haben nicht einfach Möbel gebaut. Sie haben nachgedacht, experimentiert, verworfen und neu begonnen. Oft Jahrzehnte lang. Das Ergebnis sind Entwürfe, die bis heute produziert, verkauft, bewundert und kopiert werden. Ohne ihre kreative Leistung gäbe es nichts zu kopieren.
Heute profitieren Millionen Menschen weltweit von dieser Arbeit – als stolze Besitzer eines Originals, aber auch als Käufer einer Kopie, die sie sich für 60 Euro ins Büro stellen. Das ist eine Entscheidung, die jeder für sich trifft. Aber es lohnt sich, dabei einen Moment innezuhalten: Der Wunsch, geistige Leistungen möglichst kostenlos zu nutzen, hat seinen Preis – er wird von denen bezahlt, die das Recht auf das Werk haben, erben und verwalten, von den Herstellern, die in Qualität und Authentizität investieren, und letztlich von der Kultur des Entwerfens selbst.
Ein Original zu kaufen ist kein Luxus für Leute, die Geld übrig haben. Es ist eine Entscheidung dafür, dass gute Ideen ihren Wert behalten – heute und für die nächste Generation.
Bei used-design finden Sie ausschließlich Originale - mit Nachlässen bis zu 70 %
Original Klassiker bei used-design finden
Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren