Möbelklassiker, die die Zeit überdauern

Von in Wohnen & Einrichten
Michael Thonet Stuhl 214, Thonet

Möbel erfüllen für viele Menschen vor allem einen praktischen Zweck. Für andere haben sie eine tiefere Bedeutung, sei es als Zeugnis handwerklichen Könnens oder als Spiegel der Zeit, in der sie entstanden sind. Wer die vergangenen hundert Jahre Möbeldesign betrachtet, sieht wechselnde Formen und Materialien, aber auch Antworten auf drängende Fragen ihrer jeweiligen Epoche. Manche dieser Antworten haben sich als so überzeugend erwiesen, dass sie bis heute produziert, kopiert und in Wohnungen aufgestellt werden, die mit dem Jahr ihrer Entstehung eigentlich nichts mehr gemein haben.

Diese Auswahl folgt keiner Chronologie. Sie versammelt die persönlichen Lieblingsstücke der Redaktion und zeigt, auf welch unterschiedliche Art ein Entwurf seine gestalterische Qualität entfalten kann. Im Mittelpunkt stehen prägnante Gestaltungsideen, konsequent gelöste Funktionen und Fertigungstechniken, die neue Formen überhaupt erst ermöglichten. Hinzu kommen Möbel, deren spielerischer Charakter überrascht und die gerade durch ihren Witz und ihren unvergleichlichen Charme überzeugen.

Diese Formen schrieben Geschichte

Charles & Ray Eames Lounge Chair mit Ottoman, Vitra
Charles & Ray Eames Lounge Chair | Vitra

Mit seinen geformten Holzschalen, den weichen Lederpolstern und seiner großzügigen Haltung prägt der Eames Lounge Chair das Bild des amerikanischen Nachkriegsdesigns. Charles und Ray Eames entwickelten ihn 1956 als Antwort auf den klassischen Lederclubsessel und schufen damit ein Möbelstück, das Komfort und zeitgemäßes Design auf ebenso elegante wie selbstverständliche Weise verband. Mehr erfahren

Verner Pantons Panton Chair verfolgt ein anderes Ziel. Der 1967 vorgestellte Freischwinger aus einem einzigen Stück Kunststoff sollte eine bestehende Tradition hinter sich lassen. Seine geschwungene S-Form ist bis heute das Sinnbild einer Zeit, die an die grenzenlose Machbarkeit der Zukunft glaubte. Weiterlesen

Verner Panton - Panton Chair, Vitra
Panton Chair | Vitra
Le Corbusier, Pierre Jeannerret, Charlotte Perriand Liege LC4, Cassina
Liege LC 4 | Cassina

Le Corbusiers LC4 Liege verbindet beide Haltungen. Der 1928 entworfene Liegesessel aus Stahlrohr und Rindsleder folgt streng funktionalen Prinzipien und wirkt trotzdem sinnlich, eine Kombination, die im Möbelbau selten gelingt. Mehr erfahren

Mut zum Spiel

Ungewöhnliches, originelles und mutiges Design erschließt sich nicht immer sofort. Mitunter wird erst bei genauerem Hinsehen oder in der Nutzung deutlich, dass ein Möbelstück nicht aus einer fixen Idee heraus entstanden ist, sondern einem bestimmten Ziel folgt. Dabei zeigt sich, dass auch Entwürfe, die erst einmal unbequem aussehen, durchaus komfortabel sein können.

Sessel Proust von Alessandro Mendini, ki-generiertes Bild
Sessel Prous, ki-generiert

Alessandro Mendinis Proust-Sessel von 1978 widersetzt sich der Vorstellung, modernes Design müsse sich von historischen Formen lösen. Für das von Cappellini gefertigte Original griff Mendini die üppige Gestalt eines barocken Sessels auf und bezog Polster, Rahmen und Ornamente in ein dichtes Muster aus farbigen Punkten ein. Für Magis übertrug er den Entwurf 2011 in einen Sessel aus rotationsgeformtem Polyethylen. Beide Fassungen zeigen Mendinis postmoderne Haltung, historische Formen nicht abzuschaffen, sondern ihnen durch Überzeichnung und neue Materialien eine andere Bedeutung zu geben. Weiterlesen

Philippe Starck Stuhl Louis Ghost, Kartell
Philippe Starck Stuhl Louis Ghost | Kartell

Auch Philippe Starcks Louis Ghost Chair, 2002 für Kartell entworfen, wurde durch ein historisches Möbel inspiriert. Er nimmt die klassische Silhouette eines Louis-XV-Sessels auf und übersetzt sie in transparentes Polycarbonat. Der Stuhl wird in einem Stück spritzgegossen und verbindet damit die Anmutung eines historischen Salonmöbels mit den Möglichkeiten industrieller Fertigung. Mehr als 100.000 verkaufte Exemplare in den ersten drei Produktionsjahren zeigen, dass gerade dieser Gegensatz ein breites Publikum überzeugte.
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Philipp Mainzers Backenzahn-Hocker trägt seine Eigenwilligkeit bereits im Namen. Vier kräftige Beine und eine leicht eingezogene Sitzfläche geben dem 1996 für e15 entworfenen Möbel die Silhouette eines übergroßen Zahns. Ursprünglich entstand der Hocker aus Reststücken der Bigfoot-Tischproduktion. Damit verbindet er einen augenzwinkernden Entwurf mit einem bemerkenswert frühen Gedanken zur sinnvollen Nutzung hochwertigen Materials. Seine unverwechselbare Form machte ihn zu einer Ikone von e15 und brachte ihn in mehrere Museumssammlungen.

Hocker Backenzahn von Philipp Mainzer für e15
Hocker Backenzahn | e15

Neue Techniken, neue Formen

Manche Möbel wären ohne neue Herstellungsverfahren nicht denkbar. Ihre Gestalt entstand nicht allein am Zeichentisch, sondern aus Versuchen, Holz und Metall anders zu formen.

Michael Thonet Stuhl 214, Thonet
Michael Thonet Stuhl 214
Michael Thonet Stuhl 214, Thonet
Thonet

Michael Thonet experimentierte bereits in den 1830er-Jahren zunächst mit in Leim gekochten Furnierstreifen, ehe ihm die Verarbeitung von massiv gebogenem Holz gelang. Unter Wasserdampf wurde Buchenholz elastisch und ließ sich in Formen bringen, die mit herkömmlicher Tischlerarbeit kaum wirtschaftlich herzustellen waren. Der 1859 entwickelte Stuhl Nr. 14, heute als Wiener Kaffeehausstuhl bekannt, verdichtete diese Technik zu einem leichten, aus wenigen Teilen aufgebauten Möbel. Er konnte beinahe industriell gefertigt, zerlegt und platzsparend transportiert werden.

Thonet S 64 Pure Materials
S 64 Pure Materials. Bild: Thonet

In den 1920er-Jahren wurde am Bauhaus und in dessen Umfeld Stahlrohr zum Versuchsfeld. Marcel Breuer begann 1925, angeregt durch gebogene Fahrradlenker, Möbel aus dem leichten und stabilen Material zu entwickeln.

Kurz darauf nutzte Mart Stam Gasrohre für einen Stuhl ohne Hinterbeine, Ludwig Mies van der Rohe gab dem Prinzip eine federnde Kurve. Die Logik des Biegens wurde damit vom Holz auf ein industrielles Material übertragen. Erst dessen Belastbarkeit und Elastizität machten die offenen Konstruktionen und den Freischwinger möglich. Mehr erfahren

Charles und Ray Eames trieben die Formung von Schichtholz in den 1940er-Jahren weiter voran. Bei der Entwicklung von Beinschienen für die US-Marine sammelten sie Erfahrungen mit mehrfach gekrümmtem Sperrholz. Beim oben vorgestellten Lounge Chair nutzten sie diese Technik für drei geformte Holzschalen, deren Furnierlagen unter Hitze und Druck ihre räumliche Form erhielten.

Ob Bugholz, Stahlrohr, L-Bein oder Formholz, in allen Fällen war die Fertigungstechnik nicht der nachträgliche Weg zur Form, sondern ihr Ausgangspunkt. Erst das neue Verfahren machte den jeweiligen Entwurf möglich.

Licht als Kunstwerk

Künstliches Licht prägt, wie wir einen Raum wahrnehmen und nutzen. Es hebt Materialien und Proportionen hervor, lenkt den Blick und schafft je nach Helligkeit und Lichtfarbe eine konzentrierte oder ruhige Atmosphäre. Deshalb gehört die Lichtplanung ebenso zum Raumkonzept wie Möbel, Farben und Oberflächen. Einige Leuchten lösen diese Aufgabe mit technischer Präzision, andere machen das Licht selbst zum gestalterischen Ausdruck.

Poul Henningsen Pendelleuchte PH Artichoke, Louis Poulsen
Poul Henningsen Pendelleuchte PH Artichoke | Louis Poulsen

Die Artichoke Leuchte von Poul Henningsen (1958) besteht aus 72 einzeln angeordneten Kupferblättern, die das Licht so lenken, dass keine Blendung entsteht und trotzdem jeder Winkel des Raumes erreicht wird. Es ist ein Beispiel dafür, wie technische Präzision und skulpturale Wirkung zusammenfallen können.

Ingo Maurer Pendelleuchte Zettelz'
Ingo Maurer Pendelleuchte Zettelz'

Ingo Maurer entwirft Leuchten, die das Licht als Erzählung begreifen und nicht als reine Funktion. Von der legendären Zettelz Pendelleuchte über die gefiederte Lucellino bis zur Porca Miseria aus zerbrochenem Porzellangeschirr zeigen, dass seine Leuchten Licht als Erzählung begreifen und nicht als reine Funktion. Durch sie wird Licht zu Poesie.

Sebastian Herkner Stehleuchte Oda, Pulpo
Sebastian Herkner Stehleuchte Oda | Pulpo

Sebastian Herkners Oda Bodenleuchte verfolgt einen ruhigeren Ansatz. Ihr schlanker Korpus und das warme Licht zeigen, dass sich handwerkliche Präzision und zeitgenössische Formsprache verbinden lassen, ohne dass ein Entwurf dadurch beliebig wird.

Tradition, neu gedacht

Götz Ladendorf T-TABLE, ASCO
Götz Ladendorf T-TABLE | ASCO

Der T-Table von Götz Ladendorf gehört in diese Reihe der jüngeren Entwürfe. Der Tisch verzichtet auf alles Beiläufige und reduziert seine Konstruktion auf die titelgebende T-Form. Das extrem dünne Mittelschwert trägt scheinbar schwebend eine massive Tischplatte und bietet dabei die größtmögliche Beinfreiheit. Der Entwurf ist auch ein Beweis dafür, dass gute Möbelideen nicht immer aus den großen Designzentren stammen müssen.

Der Beistelltisch Cosmo von Metallbude verfolgt eine ähnliche Haltung. In Handarbeit im nordrhein-westfälischen Möbelrevier aus pulverbeschichtetem Stahlblech gefertigt, reduziert er seine Form auf zwei ineinander verschobene Ebenen und zeigt, dass überzeugende Konstruktion auch ohne großen Namen entstehen kann. Während der T-Table seine Reduktion aus der Form gewinnt, erreicht Cosmo sie in der Art, wie sich seine Ebenen zueinander verschieben lassen.

Lieblingsstücke

Dieter Rams 606 Shelving System, Vitsoe
Dieter Rams 606 Shelving System | Vitsoe
Hans J. Wegner Wishbone Chair | Carl Hansen & Søn
Hans J. Wegner Wishbone Chair | Carl Hansen & Søn
Sebastian Herkner Tischleuchte Oda, Pulpo
Sebastian Herkner Tischleuchte Oda | Pulpo
Occhio Pendelleuchte Mito
Occhio Pendelleuchte Mito
Arne Jacobsen Stuhl Serie 3107, Fritz Hansen
Arne Jacobsen Stuhl Serie 3107 | Fritz Hansen
Hoffmann Kahleyss Design Leya Swingseat, Freifrau
Hoffmann Kahleyss Design Leya Swingseat | Freifrau
Sebastian Herkner Bell Table, Classicon
Sebastian Herkner Bell Table | Classicon
Michael Thonet Stuhl 214 und Sekretär S 1200, Thonet
Caféhaus Stuhl 214 am Sekretär S 1200 | Thonet

Kultur, Resilienz und die Zukunft des Möbeldesigns

Was diese Möbelstücke verbindet, ist keine gemeinsame Ästhetik. Vielmehr folgen sie einer gemeinsamen Haltung. Sie wurden für ein ganzes Leben entworfen, häufig für mehrere, und nicht für eine einzelne Saison. Das unterscheidet sie von einem Großteil der heutigen Möbelproduktion, die auf schnellen Konsum statt auf Dauer ausgelegt ist.

Genau darin liegt auch ihre kulturelle Bedeutung. Ein Möbelstück, das fünfzig oder hundert Jahre überlebt, trägt die Handschrift seiner Zeit weiter und macht Designgeschichte im Alltag erfahrbar. Es ist ein stilles Gegenmodell zu einer Konsumkultur, die Dinge lieber ersetzt als repariert.

Die Zukunft des Möbeldesigns wird sich daran messen lassen müssen, wie ernst sie diese Haltung nimmt. Kreislauffähige Materialien, reparierbare Konstruktionen und eine Rückkehr zu handwerklicher Sorgfalt sind keine Trends, sondern die logische Fortsetzung dessen, was die hier vorgestellten Entwürfe schon immer ausgezeichnet hat. Wer heute einen Desigklassiker kauft, verlängert diese Geschichte lediglich um ein weiteres Kapitel.

Viele dieser Entwürfe sind auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung eine überzeugende Wahl für anspruchsvoll eingerichtete Räume. Bei used-design finden Sie ausgewählte Designklassiker und zeitgenössische Originale aus zweiter Hand.

Titelbild: Michael Thonet Stuhl 214 | Thonet
ph. credits: ASCO, e15, Fritz Hansen, Kartell, Louis Poulsen, Pulpo, Metallbude, Thonet, Vitsoe